das baugerüst 3/11 Beruflich in der Jugendarbeit

Inhalt

  • hintergrund
    Ulrich Schwab. Wer bin ich? Hauptberuflich – und sonst?
    Einige Gedanken zum Wandel des beruflichen Selbstverständnisses im Kontext der eigenen Biographie

    Wolfgang Schindler: Die Gastarbeiterfrage
    Aufstieg und drohender Fall einer Berufsgruppe in der evangelischen Jugendarbeit

    Dieter Hödl: Anstellung, Personalplanung, Personalentwicklung
    oder hauptamtliche Perspektiven in der evangelischen Jugendarbeit
           
    Karl Ludwig Ihmels: Wie soll es weitergehen ...
    ... mit den Hauptamtlichen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?
    Anmerkungen eines Ausgeschiedenen

  • gespräch
    "Auskunfstfähig über den Glauben"        
    Gespräch mit Nikolaus Schneider,
    Ratsvorsitzender der EKD

  • kontrovers
    Roland Werner: Bekehrt, bewährt, begabt, berufen?
    Wie die geistliche Mitte auch heute Jugendarbeit bestimmen kann

    Steffen Jung: Pädagogische Kompetenz
    Warum die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen braucht
  • forum
    Klaus-Martin Ellerbrock / Ute Sparschuh : Zwischen Himmel und Erde...
    ... und zwischen Mama Kirche und Papa Jugendverband?

    Simona Herz: Reiseführerin

    Sabine Jackwert: Schatzsuche

    Fabian Peters: Auf Augenhöhe miteinander arbeiten
    Über das Verhältnis von beruflicher und ehrenamtlicher Mitarbeit

    Reinhold Ostermann: Erwachsene Mitarbeiter
    Konzeptionelle Skizze für Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit

    Micha Hofmann: Bedingungen verändern sich
    Wir müssen uns den Herausforderungen an die evangelische
    Kinder- und Jugendarbeit stellen

    Werner Lindner: Kinder- und Jugendarbeit im „Kampf um Anerkennung“
    Evaluation, Wirkung und Beurteilung (in) der Kinder- und Jugendarbeit

    Kompetenzprofil für zukünftiges professionelles Handeln von Fachkräften in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit und zukünftige Anforderungen an die Aus- und Fortbildung
    Papier des aej-Vorstandes

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Wolfgang Noack: Beruflich in der Jugendarbeit

Einführung in das Heft

„Wenn Sie jetzt einmal wiederkommen, dann fürchten wir uns nicht mehr vor Ihnen“. Dieses Geständnis erfuhr Annemarie Pissel 1915 als sie als erste Hauptamtliche für die weibliche Jugendarbeit verschiedene bayerische Gruppen besuchte. Diese Geschichte ist nachzulesen bei Ulrich Schwab, der die Entwicklung der Evangelischen Jugendarbeit von 1800 bis 1933 beschreibt. Vielleicht hatten die damaligen Reisesekretärinnen und -sekretäre gewisse Kontrollfunktionen, ganz sicher aber besaßen sie in den Gemeinden eine gehörige Portion Autorität.

Bis zum heutigen subjektorientierten Ansatz von Jugendarbeit hat sich das Rollenbild der beruflich Mitarbeitenden vielfach gewandelt. Herausgefordert durch die soziale Not des 19. Jahrhunderts machten erste Hauptberufliche in kirchlichen Rettungshäusern und Jugendvereinen Angebote, um jungen Menschen Unterstützung und Orientierung zu geben. Im Nationalsozialismus mussten die beruflichen Jugendarbeiter ihre Rolle zwischen Führerkult und Widerstand finden und nach dem Zusammenbruch wurde den Jugendverbänden samt ihrem hauptberuflichen Personal ein erheblicher Anteil am neuen demokratischen Aufbau des Gemeinwesens zugeschrieben. Zwar hielt Jugendarbeit schon immer das Fähnchen der Ehrenamtlichkeit hoch, aber dank wissenschaftlicher Diskussion und gut gefüllter Kassen beherrschte in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Professionalisierungsdebatte diesen außerschulischen Arbeitsbereich. In der Folge konnte sich auch die kirchliche Jugendarbeit über eine Stellenmehrung erfreuen und aus dem charismatischen Jugendleiter von einst wurde die sozialpädagogische Fachkraft, bezahlt nach BAT.
Selbstbewusste nichttheologisch Ausgebildete hielten Einzug in den kirchlichen Arbeitsmarkt (die Vorsilbe „nicht“ bei der Mitarbeiterbezeichnung impliziert bis heute eine defizitäre Beschreibung). Im Unterschied zu den Pfarrerinnen und Pfarrern wurden sie nicht verbeamtet sondern erhielten eine privatrechtliche Anstellung. (In Bayern kommt noch hinzu, dass die kirchlich ausgebildeten Diakone bis heute als verbeamtete Jugendreferenten eingestellt werden.)
Es war die hohe Zeit des Dialogs zwischen Theologie und Sozialwissenschaften. Christof Bäumler, der erste Studienleiter in Josefstal forderte Teampfarrämter mit gleichberechtigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Sozialarbeit war Teil der Kirche und nicht nur Aufgabe der Diakonie und die evangelischen Fachhochschulen wurden von Studentinnen und Studenten überlaufen, die ihre spätere Aufgabe im kirchlichen Dienst sahen.

Der Wind drehte

Aus einer Jugendarbeit für Jugendliche wurde eine Jugendarbeit durch Jugendliche. Die Rolle im pädagogischen Setting hatte sich verändert. Fürchteten sich in den Anfängen Gruppen noch vor Hauptberuflichen (siehe oben) wurden sie nun „Raumwärter“ (Münchmeier), Begleiterin oder Ermöglicher. Aber vielleicht kommen auch wieder Zeiten, in denen von den Profis mehr eigene Schwerpunkte im Bildungsgeschehen erwartet werden. Mit dieser konzeptionellen Kurskorrektur müssen professionelle Pädagogen umgehen können.

Schwieriger wird die berufspolitische Situation für manche Gruppen. In einigen Landeskirchen wurden in den 70er und 80er Jahren die pädagogisch (bzw. „nicht“-theologisch) Ausgebildeten zur zahlenmäßig größten Gruppe in diesem kirchlichen Arbeitsfeld. Durch Fortbildung in den ersten Berufsjahren oder ergänzendem Studium an den Fachhochschulen konnte aus diesem "Nicht-theologisch-Makel" doch noch eine Doppelqualifikation werden, aber in Zeiten leerer Kassen wird die privatrechtliche Anstellung zur Falle für diese Berufsgruppen (zumindest in einigen Landeskirchen). Wenn z.B., wie in Bayern, den angestellten Sozialpädagogen eine große verbeamtete Schar von Pfarrerinnen und Pfarrern, Diakonen und Religionspädagogen gegenübersteht, liegt die Lösung nahe, (und sie droht tatsächlich) bei Neubesetzungen auf die Gruppe zurückzugreifen, der Kirche sich besonders verpflichtet sieht. Da ist es dann auch egal, dass Kirche in ihrer Fachhochschule weiter PädagogInnen ausbildet – der kirchliche Arbeitsmarkt bleibt dann verschlossen. Landeskirchen verfahren hier durchaus unterschiedlich. Der rheinische Präses und EKD-Ratvorsitzende Nikolaus Schneider betont in dem baugerüst Gespräch, dass im Rheinland „großer Wert auf einen Personalmix“ gelegt wird und bei finanziellen Turbulenzen alle Anstellungsverhältnisse betroffen sein werden.
Es wird für die Jugendarbeit nicht ohne Folgen bleiben, wenn dieses pädagogisch-theologische Arbeitsfeld für eine ganze Berufsgruppe zukünftig verschlossen bleibt. Vielleicht sollte man vor einer solchen Entscheidung noch einmal einige Kapitel von Christof Bäumler zu Rate ziehen.

Hinein und wieder heraus

Über welche Kompetenzen professionelle Mitarbeitende in der kirchlichen Jugendarbeit zukünftig verfügen müssen, wird derzeit diskutiert. Der aej-Vorstand hat hierzu ein konzeptionelles Papier verabschiedet (Kompetenzprofil s.S. 91) und Thomas Schalla nimmt im Standpunkt kommentierend hierzu Stellung ( S. 56). Es liegt nun auch an den Fachhochschulen, dieses Anforderungsprofil im Studienschwerpunkt Jugendarbeit und -bildung Eingang finden zu lassen.
Wer zukünftig mitarbeiten kann und soll, welche Voraussetzungen hierzu notwendig sind, wird in den Beiträgen dieses Heftes aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Dabei sind einige Entwicklungen oder drohende Szenarien durchaus zu kritisieren will Jugendarbeit ein offenes Arbeitsfeld ohne Milieuverengung bleiben.

Der Weg in dieses Arbeitsfeld ist das eine. Die Veränderungen und Herausforderungen beschreiben Simona Herz, Sabine Jackwert und Micha Hofmann in diesem Heft. Der Weg aus dem Arbeitsfeld Jugendarbeit hat seine eigenen Gesetze und wird nicht selten zur Sackgasse. Ulrich Schwab skizziert biografische Stufen der Jugendarbeitsprofis in dieser baugerüst-Ausgabe. Während der Berufseinsteiger noch mit großer Freiheit zwischen Facebook und Disco, Jugendgottesdienst und Lagerfeuer rochiert, sieht sich der oder die Pädagoge/in jenseits der 45 häufig mit der Frage konfrontiert, wie lange man oder frau noch als „Berufs“-Jugendliche/r unterwegs sein will? Diese Frage wird JugendarbeiterInnen mit fortschreitendem Alter gerne aus anderen kirchlichen Arbeitsfeldern gestellt. Trotz berufspolitischer Diskussion und Weiterbildungsprogrammen es fehlen nach wie vor Personalentwicklungspläne insbesondere für „nicht“-verbeamtete und „nicht“-theologische MitarbeiterInnen. Wer mit viel Engagement professionell in die kirchliche Jugendarbeit eingestiegen ist und nach vielleicht 20 Jahren Dienst auf Gemeinde- und Dekanatsebene wechseln möchte, sieht alle in Frage kommenden kirchlichen Arbeitsplätze in der Regel mit Theologen oder Diakonen besetzt. Wer die effektivste und kreativste berufliche Zeit in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen investierte, bleibt mit Mitte / Ende 40 beim Arbeitgeber Kirche in der Regel ohne weitere Perspektive. Hier muss es mehr als Absichtserklärungen geben.

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Karl Foitzik: Die Kirche und ihre Profis

Der Kommunikation des Evangeliums verpflichtet

Die Notwendigkeit unterschiedlicher Berufsgruppen wird von den Kirchenleitungen immer wieder beschworen. Vor Ort funktioniert das Miteinander oft auch gut. Doch strukturell hat sich das kaum ausgewirkt. Bei Entscheidungen wird in Kirchenleitungen und leider auch innerhalb der Berufsgruppen viel zu oft „versäult“ gedacht und geplant. Seit von kirchenleitenden Gremien aus guten Gründen drastische Haushaltskürzungen eingefordert werden, hat sich das verstärkt. Die einzelnen Berufsgruppen sind immer mehr auf sich selbst konzentriert und sehen ihre Zukunft verstärkt in Konkurrenz zu den anderen. Die verantwortlichen Gremien betonen zwar nach wie vor, dass an dem vorhandenen Mix der Berufsgruppen festgehalten werden soll, doch die Befürchtungen vieler kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden dadurch kaum geringer.
Zu unterschiedlich sind die Vorgaben und Vorstellungen. Die einen sind verbeamtet, andere nicht. Die einen haben eine jahrhundertelange Tradition hinter sich, andere stehen erst seit Jahrzehnten auf den Gehaltslisten von Kirchen und Gemeinden. Die einen sitzen auf refinanzierten Stellen, die aufgegeben werden, wenn von dritter Seite keine Mittel mehr fließen, für andere tritt die Kirche auf alle Fälle ein. Den einen wird versichert, dass sie unverzichtbar sind, anderen – wie z.B. der Berufsgruppe der Sozialpädagogen - wurde zwar „Bestandsschutz“ zugesichert, was angesichts geltender Tarifverträge gar nicht nötig gewesen wäre, gleichzeitig aber wurde ein Aufnahmestopp verhängt.
Die Gründe für wachsende Verunsicherungen liegen teilweise im Atmosphärischen, sind aber auch konkret belegbar. Die Kirche wird in den nächsten Jahrzehnten kleiner, älter und ärmer. Das wird sich auf die Berufsgruppen auswirken. Jede Äußerung über eine Berufsgruppe wird von den anderen misstrauisch registriert.
Wenn der Finanzreferent der Evang.-Luth. Kirche in Bayern vor der Landessynode verspricht, dass die Pfarrstellen bis 2020 gesichert sind, sich aber nicht zu den Perspektiven der anderen Berufsgruppen äußert, werden diese hellhörig. Wenn im Blick auf Pfarrerinnen und Pfarrer hochgerechnet wird, wie viele wann aus dem Beruf ausscheiden, um aus guten Gründen Vorsorge zu treffen, damit später keine Versorgungslücken entstehen, erscheint dies als kluge vorausschauende Personalpolitik. Doch warum nur für eine Berufsgruppe? Sind absehbare Versorgungslücken in den anderen vernachlässigbar? Im Perspektivpapier der EKD „Kirche der Freiheit“ wird ausführlich der „Schlüsselberuf“ des Pfarrers beschrieben. Über ordinierte Ehrenamtliche steht mehr im Papier als über alle anderen kirchlichen Berufsgruppen zusammen. Immerhin wird von den „leitenden geistlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ „Verantwortungsbewusstsein für die Vielfalt der verschiedenen Berufsgruppen in der Kirche erwartet“.(1)
Die Sprache ist verräterisch. „Geistliche Mitarbeitern“ - und die anderen? Sind sie „weltlich“ oder „fleischlich“? Paulus schreibt im Römerbrief: „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich“. Pfarrer hat er nicht gemeint. Die gab es noch nicht. Ist die Rede von „Geistlichen“ in der evangelischen Kirche unreflektiert? Ist sie eine bewusste Abgrenzung gegenüber den anderen Berufsgruppen? Oder drückt sich darin ein latent vorhandenes römisch-katholisches Amtsverständnis aus?
Ginge es nur um die Sprache, wäre dies schlimm genug. Doch sie verweist auf das prägende Denken und die davon bestimmten traditionellen Strukturen. Wer nicht zu den „Geistlichen“ zählt, ist „Laie“. Kirchenvorstände und Synoden setzen sich aus „Geistlichen“ und „Laien“ zusammen. Vertreterinnen und Vertreter der übrigen Berufsgruppen zählen zu den „Laien“ und können nur als solche in kirchliche Gremien gewählt werden. Bei Kirchenvorstandswahlen ist ihnen in einigen Landeskirchen selbst das verwehrt. Dort sind sie völlig von der Teilhabe an der Gemeindeleitung ausgeschlossen.
Es ist logisch, dass sie sich um ihre Zukunft sorgen und fragen, ob und in welchem Umfang die Kirche künftig noch mit ihnen rechnet? Ist es verwunderlich, dass unter ihnen die Angst vor einer Rückkehr zur „Pfarrerskirche“ wächst?

Konzentration auf das Wesentliche

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Bernhard Haupert & Ingo Schenk: Arbeitsbündnis, Professionalität und Ehrenamt ...

... in der kirchlichen Jugend(verbands)arbeit

Die Aufgabe von Jugendarbeit

Seitdem sich die Jugendverbände (und letztlich damit auch die Jugendarbeit als Ganzes) in den siebziger Jahren professionalisiert haben, ist die Frage nach der Zusammenarbeit bzw. nach dem Verhältnis zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen immer wieder Thema, sowohl im theoretischen Diskurs wie im Alltag pädagogischer Arbeit. Aus professionell pädagogischer Sicht können heute die zentralen Aufgaben (und damit die zu bewältigenden Krisen) der Kinder- und Jugendarbeit wie folgt bestimmt werden:

  1. Unterstützung bei der Ablösung vom Elternhaus,
  2. als die strukturell und sozialisatorisch notwendige (außerfamiliale) Unterstützung bei der Lösung der psychosexuellen Krisen von Pubertät und Adoleszenz und
  3. als die pädagogische und psychosoziale Kompensation von Schule.
  4. Zu kompensieren und zu reflektieren hat Jugendarbeit vermehrt auch die Verzweckung von Kindheit, Jugend und Schule, die immer mehr nur noch dazu dienen, neokapitalistischen Verwertungsinteressen zu dienen und auf die entsprechende Verwertung vorzubereiten.

Demgegenüber steht nach wie vor, dass Jugendliche bzw. Ehrenamtliche im Rahmen der Jugendarbeit ihre

  1. Neugierde der Welt gegenüber,
  2. ihren Wissensdrang, welches der Jugend eigen ist 
  3. und ihr Engagement- und Autonomiepotential entfalten wollen, sofern sich oben genannte Strukturen vorfinden. 
  4. Dies geschieht auf der Basis von Freiwilligkeit.

Im Zusammentreffen beider Bestimmungen konstituiert sich das Verhältnis von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen im  Arbeitsbündnis. Von Seiten der Jugendarbeit braucht es hierfür geeignete räumliche Strukturen, als auch befähigte erwachsene Personen, also der professionell praktische Ort einer „kompensatorischen Sozialisation und Erziehung“ im Kindes- und Jugendalter. Gemäß dieser professionellen Bestimmung finden sie dann an Orten von Jugendarbeit strukturell die Differenz von Gemeinschaft (diffus) und Gesellschaft (spezifisch) vor, repräsentiert von und in den Professionellen. Das Genuin der Jugendarbeit ist nun, dass die Jugendlichen mit diesen kritischen Differenzerfahrungen nicht allein oder in ihrer Gleichaltrigengruppe gelassen werden, sondern diese Differenzerfahrungen erhalten nunmehr einen strukturellen Ort der Bearbeitung; ein anderer Ort, der aktuell strukturell versagt, ist die Schule. Jugendarbeit (verbandliche wie offene, kirchliche wie die von Sportverbänden) wird - neben dem Prinzip der Vergemeinschaftung - so zum zentralen Ort von Vergesellschaftung neben dem institutionalisierten und politisch kontrollierten Ort der Vergesellschaftung nämlich den Bildungsinstitutionen. Zugleich kommt ihr die Aufgabe zu, den Jugendlichen alternative Deutungen von Welt (alternativ zum Elternhaus und alternativ zur Schule, was kompensatorisch wirkt) aufzuzeigen und diesen neuen Deutungen eine (gelebte) Weltpraxis zu ermöglichen. Hierzu gehört die erste (selbst organisierte) Fernreise (ohne Eltern) genauso wie das Ferienlager und das nicht nur nach Spaß duftende Freizeitprogramm.Jugendverbände, und auch die offene Jugendarbeit, bieten in- und nonformale Bildung, Frei- und Experimentierräume für Kinder und Jugendliche, zugleich öffnen sie aber auch einen Raum für außerfamiliales Erleben von Gemeinschaft (Gruppe) und von Identifikation. Dadurch weist sich Jugendarbeit als die zentrale Vermittlungsinstanz im Generationenverhältnis aus, in der die „Härten“ der pubertären und adoleszenten Transformations- und Tradierungsaufgaben nicht nur institutionell gebunden und somit prinzipiell thematisierbar werden, sondern diesen „Härten“ wird ein jugendspezifischer Raum zugewiesen, wo nunmehr diese „Härten“ stellvertretend für die Jugendlichen gedeutet, gemildert und bearbeitet werden können. Unabdingbar ist hierbei, dass die kulturellen und sozialisatorischen Praxen der Elterngeneration, deren Tradierungen und Transformationen, kritisiert, verworfen, erprobt und eingeübt werden. Erst in der freien Oszillation, dem Balancieren von und zwischen Tradierung und Transformation der kulturellen Praxen der Elterngeneration(en), entsteht mental und habituell die neue Generation und damit gesellschaftlich Neues. Als Problemstellung kann aufgeführt werden, dass dieses (pädagogische) Verhältnis aus mehreren Gründen in Unordnung geraten ist.Irritationen....

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„Auskunftsfähig über den Glauben“

Ein Gespräch über Mitarbeitende in der Jugendarbeit
mit dem Ratsvorsitzenden der EKD, Präses Nikolaus Schneider


baugerüst: Zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen werden durch die evangelische Jugendarbeit erreicht. Dies zeigte die Reichweitenstudie der aej. Worin sehen Sie die vorrangige Aufgabe im kirchlichen Handlungsfeld für Kinder und Jugendliche?

Schneider: Die vorrangige Aufgabe ist, Kindern und Jugendlichen auf ihnen gemäße Weise das Evangelium nahe zu bringen. Sie sollen eine Vorstellung davon bekommen, dass Gott der Schöpfer  der Welt ist, dass Gott sich den Menschen zuwendet und dass Jesus Christus eine Bedeutung für ihr persönliches Leben hat. Dies sollen Kinder und Jugendliche mit allen Sinnen erfahren und nachvollziehen können, um ein festes Fundament für ihr Leben zu finden.

baugerüst: Was ist dabei die wesentliche Herausforderung?

Schneider: Die wesentliche Herausforderung besteht darin, Kindern und Jugendlichen Leben zu ermöglichen und zu ermutigen. Evangelischer Jugendarbeit geht es nicht primär um Moral oder gar um Moralverstärkung der Eltern, Lehrerinnen und Lehrer. Jugendliche sollen vielmehr erfahren: Gott steht an meiner Seite, ist mein Anwalt gegenüber allen Infragestellungen. Jugendliche sollen Selbstgewissheit finden, aus der heraus sie gut leben können.

baugerüst: Jugendarbeit sieht sich als selbstständiger Jugendverband in der kirchlichen Arbeit, Kirche versteht Jugendarbeit auch als Nachwuchsorganisation. Ist das ein Konflikt?

Schneider: Kirchliche Jugendarbeit braucht Strukturen und das Fundament in der Kirche. Sie sollte nicht aus dem Blick verlieren, dass Christinnen und Christen in der kirchlichen Gemeinschaft zusammenleben.
 
baugerüst: Ist das eine Mahnung vor zu viel Eigenständigkeit?

Schneider: In der Bibel heißt es: Wo Zwei oder Drei in meinem Namen zusammen sind, da ist Jesus mitten unter ihnen; es braucht die Gemeinschaft um den Glauben zu leben. Der Hinweis auf die Zugehörigkeit der Jugendarbeit zur Kirche ist daher berechtigt - aber nur, wenn er aus einem Geist der Freizügigkeit heraus formuliert wird. Jugendarbeit braucht Freiheit und darf nicht verkürzt werden auf die Gewinnung von Nachwuchs. Arbeit mit Kindern und Jugendlichen muss in vielerlei Hinsicht auch absichtslos geschehen.
baugerüst: Die selbstständige Jugendverbandsarbeit innerhalb der Kirche würden Sie nach wie vor begrüßen?

Schneider: Absolut! Nur sollte die Kirche nicht als Negativfolie für das eigentlich gelingende christliche Leben gesehen werden. Auch die selbstständige Jugendverbandsarbeit muss ihre Verbundenheit zur verfassten Kirche bewahren. Dann werden Kirche und Jugendarbeit gut miteinander auskommen.

baugerüst: Mitarbeitende mit unterschiedlichen Ausbildungen sind in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig. Welche Mitarbeitenden braucht Kirche zukünftig für diese Arbeit?
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Roland Werner: Bekehrt, bewährt, begabt, berufen?

Wie die geistliche Mitte auch heute Jugendarbeit bestimmen kann

Dass Kirche einen Verkündigungsauftrag hat, wird kaum jemand bestreiten. Wie diese Verkündigung aber in die Praxis der Jugendarbeit und überhaupt kirchlicher Arbeit umgesetzt werden sollte, da scheiden sich die Geister.

Ich erinnere mich an die siebziger Jahre, als ich im Leitungsteam unserer örtlichen Jugendarbeit in einer Duisburger Kirchengemeinde mitarbeitete. Gelegentlich nahmen wir an Tagungen für Jugendmitarbeiter teil, die vom Kirchenkreis organisiert wurden. Damals sagte der Kreisjugendreferent in einer dieser Schulungen voller Nachdruck: „Mit der Bibel in der Hand kann man heute nicht mehr Jugendarbeit machen!“ Wir waren nicht ganz von dieser Aussage überzeugt. Denn wir hatten – außer einem Raum, den uns die Kirchengemeinde zur Verfügung stellte, und ein paar alten Klampfen, sprich Gitarren – tatsächlich nur „die Bibel in der Hand“. Dass wir dabei die größte Jugendgruppe in Duisburg waren, von uns Jugendlichen selbst organisiert und selbst geleitet, mit an die 100 Leute, die wöchentlich kamen, wurde offensichtlich gar nicht wahrgenommen.

Evangelische Jugendarbeit, mit oder ohne Bibel in der Hand? Dieser Gegensatz wurde uns, so empfand ich es, ohne Not aufgezwungen. Denn dass man in einer Jugendarbeit nicht nur die Bibel lesen kann, war uns klar. Und so gab es auch viele andere Aktivitäten: Spiele, Sport, Musik, Partys, soziale Einsätze, Besuchsaktionen im Altenheim, Freizeiten und manches mehr. Später hatten wir sogar einen Kicker! Aber die Arbeit mit und an der Bibel war und blieb im Zentrum. Dass wir im sozial prekären Duisburger Norden nicht nur Oberschüler und Realschüler in unserer Gruppe hatten, will ich der Vollständigkeit halber erwähnen, damit niemand auf die Idee kommt, dieses alte Argument aus dem Hut zu zaubern, dass man nur mit Jugendlichen „höherer“ Schulformen inhaltliche Arbeit machen könne.
Natürlich war unsere Sprache die unserer Freunde. Schließlich waren wir alle im selben Stadtteil aufgewachsen. Natürlich benutzten wir keine theologischen Fremdwörter und komplizierte Satzkonstruktionen. Und doch: Es ging auch inhaltlich zur Sache. Denn schließlich interessieren die Fragen nach Sinn, nach Gott, nach Wahrheit und Hoffnung alle. Und so wurde diskutiert und gestritten, es wurde die Bibel befragt, es wurde gelacht und geweint und gebetet. Und natürlich halfen wir einander auch in sozialen Dingen, bei Hausarbeiten und bei persönlichen Problemen.

Es war eben evangelische Jugendarbeit. Wir hielten das für normal. Die Bibel und der Glaube an Jesus im Zentrum – und dann einen weiten Radius, der das Leben der Jugendlichen umspannt, und wo alles zu Wort kommen darf. Enttäuscht waren wir von Jugendarbeitern, die uns die geistliche Mitte ausreden wollten. Es schien uns manchmal, dass wir ihnen ein Dorn im Auge waren, vielleicht, weil unsere Existenz und Praxis das damals gängige Dogma, wie kirchliche Jugendarbeit auszusehen habe, in Frage stellte.

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Thomas Schalla: Profil der Vielfalt

Das Kompetenzprofil der aej für Fachkräfte in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit

Evangelische Kinder- und Jugendarbeit befindet sich in Veränderungsprozessen. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wandeln sich; Belastungen, Erwartungen und Einstellungen von Kindern und Jugendlichen werden disparater; in Politik, Kirchen, Werken und Verbänden entsteht unter dem Eindruck knapper Kassen ein Rechtfertigungs- und Verteilungsproblem für Kinder- und Jugendarbeit.
Das Gelingen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist zukünftig noch stärker davon abhängig, dass unsere Fachkräfte optimal für ihre Arbeit ausgebildet werden. Wenn wir weniger werden, werden die Wenigen im Schnittfeld von Jugend, Politik und Kirche noch virtuoser zugleich mit politischen, strategischen, wissenschaftlich-fachlichen und theologischen Fragen umgehen müssen. Es ist deshalb von entscheidender Bedeutung, dass die institutionellen Rahmenbedingungen diesen Anforderungen genügen.
Die aej hat mit dem „Kompetenzprofil“ deshalb den Versuch unternommen, nach gemeinsamen Grundqualifikationen und zentralen Kompetenzen von beruflich Mitarbeitenden zu fragen. (siehe Seite 91)
Führt man sich vor Augen, wie unterschiedlich Berufsbilder, Ausbildungen und Anstellungsverhältnisse der beruflich Mitarbeitenden in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit sind, wird zweierlei sichtbar: zum einen die Notwendigkeit, im Interesse von Kindern und Jugendlichen gemeinsam geteilte Leitvorstellungen für professionelle evangelische Kinder- und Jugendarbeit zu entwickeln; zum anderen die besondere Herausforderung, für die regional unterschiedlichen Rahmenbedingungen von Seiten der Anstellungsträger gemeinsame Qualitätsstandards zu erarbeiten und politisch wirksam werden zu lassen.
Der aej-Vorstand hat mit dem Profil eine wichtige Vorarbeit für die Arbeit in Landeskirchen, Werken und Verbänden geleistet.

Gemeinsame Standards

Ein Blick auf die unterschiedlichen Anstellungsträger und -verhältnisse in der Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland offenbart einen Flickenteppich. Es gibt erhebliche Unterschiede in Ausbildung und Anstellungspraxis und mit Blick auf die Dienstgemeinschaft verschiedener Berufsbilder zwischen den Landeskirchen; Werke und Verbände haben eigene Ausbildungsinstitute und Hochschulen, deren Abschlüsse aber zum Teil an anderer Stelle nicht ohne Weiteres anerkannt werden; die Gewichtung von persönlichen, pädagogischen, didaktischen, sozialwissenschaftlichen und theologischen Kompetenzen ist je nach Anstellungsträger und jeweiliger theologischer Prägung variationsreich. Nachvollziehbar ist die Vielfalt von Zugängen, weil sich in ihnen auch die historisch gewachsenen unterschiedlichen Prägungen und Schwerpunkte im Arbeitsfeld widerspiegeln.
Gleichwohl gibt es Gemeinsamkeiten für diejenigen, die Kinder und Jugendliche in der evangelischen Jugendarbeit professionell begleiten, fördern und mit dem christlichen Glauben in Berührung bringen.
Beruflich Mitarbeitende sind in ihren unterschiedlichen Professionen vor allem Dienste der Kirche und brauchen unabhängig von den jeweiligen Anstellungsträgern die Befähigung, Kinder- und Jugendarbeit im Licht des Evangeliums zu verstehen und auszulegen. Sie bekommen ihre Grundlage und Ausrichtung durch die Rückbindung an den dreieinigen Gott und haben in ihrer Unterschiedlichkeit darin auch ihre Legitimität: Die Vielfalt unterschiedlicher Dienstgruppen in der Kirche ist deshalb wichtig, weil das Evangelium jungen Menschen in ihren vielfältigen Bezügen begegnen muss. Die Kompetenz, mit der die pädagogischen, didaktischen oder sozialen Schwerpunkte der eigenen Arbeit in ihrer theologischen Bedeutung reflektiert werden kann, ist deshalb zu Recht im Kompetenzpapier der aej hervorgehoben. Sie betont damit auch den konstitutiven Bezug aller beruflich Mitarbeitenden zum Auftrag der Kirche.

Auch methodologische Überlegungen nötigen zu gemeinsam geteilten Standards. Die Haltung, mit denen Fachkräfte Kindern und Jugendlichen in der evangelischen Jugendarbeit begegnen ist davon geprägt, dass sie selbst als Ko-Produzenten ihrer Lebenswelt verstanden werden. Professionelles Handeln bindet deshalb strategische, persönliche und wissenschaftliche Kompetenzen an ein spezifisches Rollenverständnis. Mit ihm werden die jungen Menschen in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt. In aller Breite der Arbeitsfelder ist es hilfreich, wenn in den Kompetenzstandards und Haltungen eine gemeinsame Grundüberzeugung erkennbar wird.
Schließlich sind es die Mitarbeitenden selbst, die durch geteilte und anerkannte Kompetenzstandards flexiblere berufliche Beschäftigungsmöglichkeiten erhalten. Die Vielfalt der Berufsgruppen in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit soll erhalten bleiben. Aber ihre Kompetenzen sollten vergleichbarer werden.

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Klaus-Martin Ellerbrock Ute Sparschuh: Zwischen Himmel und Erde...

...und zwischen Mama Kirche und Papa Jugendverband?

Scheinbar müssen die pädagogischen Profis in der kirchlichen Jugendarbeit zwei Herren dienen: Berufliche kirchliche Jugendarbeit geschieht überwiegend durch pädagogisch Mitarbeitende im Angestelltenverhältnis zu einer Kirchengemeinde. Diese Träger wiederum werden in der Regel durch einen gewählten Kirchenvorstand geleitet. Die Position gegenwärtiger Hauptamtlichkeit ist  also in Bezug auf ihre Aufgabenstellungen, Arbeitsverträge und Leitungsstruktur meist durch die verfasste Kirche bestimmt. Nur die wenigsten beruflich pädagogisch Mitarbeitenden sind direkt bei einem jugendverbandlichen Träger beschäftigt. Somit gehen die stärksten Bindungskräfte hinsichtlich der geforderten Kompetenz und Wirkkraft der darin Tätigen im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen von der Kirche aus. Und die leistet damit kirchenordnungsrechtlich in ihrem Verständnis „Dienst an der Jugend“  - schon sprachlich krasses Gegenteil eines selbstbestimmten Jugendverbandes!
Nur:  Das ist das allgemeine Problem von (nicht nur kirchlicher) Jugendverbandsarbeit und nicht spezifisch der pädagogisch tätigen Hauptberuflichen! Egal, ob es sich um eine Kindergruppe, einen offenen Jugendtreff, eine CVJM-Gruppe handelt; egal, ob es um Gemeinde-, Dekanats- oder landeskirchliche Ebene geht: Fast immer ist die Form ein Zwitter zwischen kirchlichem Angebot für Jugendliche und selbstständigem selbstorganisierten Jugendverband. Innerhalb der Evangelischen Jugend gibt es satzungsrechtlich dafür die unterschiedlichsten Lösungen: Integrierte Modelle über kirchliche Jugendausschüsse, in die auch reine Jugendvertretungen ihre Mitglieder delegieren; oder Parallel-Schienen, die Orte gemeinsamer Willensbildung haben; oder eben   „Arbeitsgemeinschaften“ evangeli-scher Jugend, in der sich klassische Gemeindejugend(arbeit) als  Verband konstituiert.
Das sind alles keine „Lügengebilde“ oder nur rein formalrechtlich den Jugendverbandskriterien genügende Konstrukte. Sie tragen der gesellschaftlichen Krux Rechnung, dass es  den „Jugend führt Jugend“ rein selbst-organisierten Jugendverband allein schon mangels Rechtsfähigkeit seiner minderjährigen Mitglieder gar nicht geben kann. Von der Bündischen Jugend bis zu derzeitigen Jugendringen in Stadt, Land  und Bund mit dem Durchschnittsalter von gefühlt mindestens 40 Jahren bei den Verbandsvertretern  und Vorsitzenden entlarvt sich dies als Mythos.

Nicht ganz von dieser Welt und auch nicht allein in ihr

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Simona Herz: Reiseführerin

Eine der schönsten und für mich zurzeit passendste Beschreibung für den Beruf der diakonisch-pädagogischen Mitarbeiterin (so die offizielle Berufsbezeichnung bei uns in der Bremischen Evangelischen Kirche) lautet Reiseführerin zu sein. Für mich steckt hinter dieser Bezeichnung sehr viel, was mit meinem Beruf und meiner Berufung zu tun hat: Ich darf jungen Menschen ein Land zeigen, das ihnen vielleicht bisher unbekannt war oder das sie so noch nicht kennen. Ein Land, das mir wohl bekannt ist, in das ich einlade, das ich gerne zeige, denn es hat etwas mit mir zu tun. Ich kenne mich hier aus, entdecke aber auch immer wieder Neues und Unbekanntes. Es hängt viel davon ab, wer zu meiner Reisegruppe gehört. Jede und jeder erlebt anders, begreift anders, fühlt anders, lässt sich anders begeistern. Dabei bin ich manchmal auf den Reisen Führerin und manchmal Begleiterin, ab und zu die Animateurin, dann wieder die, die ermöglicht. Eine Abenteurerin die voranschreitet bin ich dabei auch hin und wieder, aber auch die, die manches an Wissen hat und einige Geheimnisse kennt 
Das Land hat dabei unterschiedliche Namen, es kann das Land des Glaubens sein, der Visionssuche, der Lebensbegleitung, des Alltags. Das Tolle als Reiseführerin ist, dass ich bei jeder Reise dazulerne, neue Erfahrungen sammeln kann, neue Eindrücke bekomme und so mein Wissen und meine Erfahrung stetig wächst und sich verändert.
Reiseführerin wird man nicht von jetzt auf gleich, das Land will schon auch erkundet werden, die Geheimnisse entdeckt, die schönsten Ecken erlebt, die netten Momente gelebt, manche verborgene Tür geöffnet und einige Schwellen überschritten werden.  Manchmal ist dabei Beharrlichkeit gefragt, denn einiges erschließt sich einem auch erst durch Warten und Geduld. Aber auch Flexibilität ist angesagt, falls der eine Weg mal nicht möglich ist, wird der andere genutzt. Plan B in der Tasche zu haben, ist nie von Nachteil.
Zwischen Authentizität und Flexibilität, Kontinuität und Veränderung  bewegt sich für mich auch immer der Beruf der pädagogischen Mitarbeiter im kirchlichen Bereich. Erfahrungen sammeln, sich weiter entwickeln, das braucht neben aller Begeisterungsfähigkeit Zeit. Auch Veränderungen brauchen Zeit, auch wenn die Zeit sie mit sich bringt. Veränderungen geschehen nicht nur im eigenen Selbstbild des Berufes, sondern auch das Arbeitsfeld selbst verändert sich stetig.
Vor rund 25 Jahren, ich war noch Ehrenamtliche bei der Evangelischen Jugend, war uns Selbstbestimmung das allerwichtigste und höchste Gut. Hauptamtliche kamen bei uns nur am Rande vor, sie waren die Ermöglicher unserer eigenen selbstständigen Jugendarbeit. Ob inhaltliche Gruppenarbeit oder politische Selbstvertretung, wir wollten es ohne hauptamtliche Beteiligung schaffen. Das war natürlich nur oberflächlich gesehen so. Im Hintergrund wurde uns Ehrenamtlichen viel ermöglicht, organisiert und bereitgestellt.  Heute erlebe ich zwischen Ehren- und Hauptamtlichkeit ein anderes Miteinander. Es geht nicht mehr in erster Linie um Selbstbestimmung, es geht um mitreden wollen, beteiligt werden und um das gemeinsame Einsetzen für ein Anliegen. Viele junge Menschen haben in unserer globalisierten Welt so viele Entscheidungsmöglichkeiten, dass sie mir oft entscheidungsmüde vorkommen und es gut annehmen können, wenn sie nicht alles selbst entscheiden müssen, aber trotzdem die Wahl haben. Nicht immer eine leichte Aufgabe so flexibel zu sein und die Balance zu finden zwischen bereithalten und wählen lassen.

Erfahrungen haben, um andere mitnehmen zu können

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Micha Hofmann: Bedingungen verändern sich

Wir müssen uns den Herausforderungen an die evangelische Kinder- und Jugendarbeit stellen

„Es war einmal...“ Wenn wir solch einen Satzanfang lesen, dann erwarten wir in der Regel ein Märchen aus vergangenen Tagen.  Aber hier ist es eine Erinnerung an eine erlebte Zeit, die - im Vergleich zu den Märchen gesehen - gar nicht so lange zurückliegt.
Ich bin ein „DDR-Kind“ - aufgewachsen in einer Kleinstadt in einem Pfarrhaushalt mit drei Geschwistern. Ich war der Jüngste. Es muss wohl so Mitte oder Ende der siebziger Jahre gewesen sein, als bei uns im Pfarrhaus ein Vikar wohnte, der im Rahmen seines Vikariats die Junge Gemeinde (JG) übernommen hatte und meine große Schwester war mit Begeisterung dabei. Ich war noch zu jung und musste (so zumindest mein damaliges Erleben) zur Christenlehre, die von einer nicht ganz jungen Katechetin - nun ja, auch dieser Eindruck mag meiner kindlichen Erinnerung geschuldet sein - verantwortet wurde. Nachdem ich die nicht mehr wirklich im Bewusstsein befindliche Konfirmandenzeit überstanden hatte, durfte ich auch zur JG, für die mittlerweile ein Diakon eingestellt worden war. Die JG-Zeit war sehr stark geprägt von Initiativen und Aktionen, die sich gegen die Diktatur des DDR Staates richteten. Oder anders gesagt - es kamen viele Jugendliche zur JG, des Oppositionscharakters wegen und teilweise weniger aus Interesse an der biblischen Botschaft. Das prägte auch die Jugendarbeit in der DDR zu einem Teil mit. Wir fühlten uns manchmal, als ob wir zu konspirativen Treffen gingen und ständig beobachtet würden, dabei gingen wir doch „nur“ zur JG. Trotz allem - oder vielleicht gerade deshalb - war die Zeit so prägend für mich, dass ich mich nach einer Tischlerlehre und etwas Gesellentätigkeit entschloss Diakon zu werden, um dann auch in der Jugendarbeit meine Akzente setzen zu können. Nach einigen Jahren in der offenen Jugendarbeit bin ich 2001 in den Kirchenkreis Mühlhausen gekommen - in der noch damaligen Kirchenprovinz Sachsen. Hier übernahm ich die Stelle des Kreisjugendreferenten. Mittlerweile sind wir die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) - gemeinsam mit der ehemaligen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Im vergangenen Jahr wurden die Aufgabenbereiche für die Arbeit mit Kindern und Familien im Zuge einer Weiterentwicklung zusammengelegt. So nehme ich nun das Aufgabenfeld der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit als Referent wahr.

Berufsbilddiskussion

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Autorinnen und Autoren

  • Klaus-Martin Ellerbrock, Düsseldorf
    Referent im Amt für Jugendarbeit

  • Dr. Karl Foitzik, Neuendettelsau
    Prof., Pfarrer, Diplompädagoge

  • Dr. Bernhard Haupert, Saarbrücken
    Professor an der Kath. Hochschule

  • Simona Herz, Bremen
    Sozialpädagogin

  • Dieter Hödl, Stuttgart
    Oberkirchenrat

  • Micha Hofmann, Mühlhausen
    Referent für Jugendarbeit

  • Karl Ludwig Ihmels, Dresden
    Oberkirchenrat

  • Sabine Jackwert, Michelstadt
    Dekanatsjugendreferentin

  • Steffen Jung, Kaiserslautern
    Landesjugendpfarrer

  • Dr. Werner Lindner, Offenburg
    Professor an der FHS Jena

  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Referent im Amt für Jugendarbeit

  • Fabian Peters, Karlsruhe
    Student, Ehrenamtl. Ev. Jugend Baden

  • Dr. Thomas Schalla, Karlsruhe
    Landesjugendpfarrer

  • Ingo Schenk, Kaiserslautern
    Referent im Amt für Jugendarbeit

  • Wolfgang Schindler, Josefstal
    Dozent im Studienzentrum Josefstal

  • Präses Nikolaus Schneider, Düsseldorf
    Ratsvorsitzender der EKD

  • Dr. Ulrich Schwab, München
    Professor an der Theolog. Fakultät der LMU

  • Dr. Ute Sparschuh, Düsseldorf
    Referentin im Amt für Jugendarbeit

  • Dr. Roland Werner, Kassel
    Generalsekretär des CVJM

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