Interview mit Amin Josua: „Ein Problem von Kirche ist, dass sie vieles lieber klein, süß und nett machen möchte.”

Ein Gespräch mit dem Theologen und Start-Up-Gründer Amin Josua über die Chancen des Gaming, welche Herausforderungen ein Digitalprojekt im kirchlichen Kontext in Deutschland meistern muss und warum er das Evangelium mit Hilfe eines Bibelspiels vermitteln will.

baugerüst: Sind Sie selbst von Haus aus Gamer?

Amin Josua: Kann man so sagen. Bis zu dem Grad, dass meine Eltern während meiner Jugendzeit gedacht haben, dass aus mir niemals was wird. Die Sorge kann ich jetzt, wo ich selbst Vater bin, nachvollziehen. Ich kann aber alle Eltern beruhigen: Auch wenn man seine ganze Jugend exzessiv durchzockt, kann noch was Ordentliches bei rauskommen.

baugerüst: Was macht für Sie die Faszination des Gamings aus?

Josua: Es ist Unterhaltung, Abwechslung vom Alltag und von der Arbeit. Und es bietet eine angenehme Zwischenstufe zwischen „sich durch Entertainment wie Netflix berieseln lassen“ und forderndem Aktivsein.

baugerüst: Gaming hat teilweise einen negativen Ruf. Was können Sie dem Vorurteil „Die zocken nur!“ entgegensetzen?

Josua: Man kann definitiv argumentieren, dass Games die Gefahr ausstrahlen, Menschen wie in einen Sog reinzuziehen und gefangen zu halten. Sie ist auch ein potenzieller Zeitfresser. Wenn man einen verantwortlichen Umgang mit ihnen pflegt, können sie ein kraftvolles Unterhaltungsoder Lernmedium sein und in Bezug auf Unterhaltung für mich nichts anderes als ein Buch zu lesen. Games werden aber von ihrer Leistungsfähigkeit völlig unterschätzt. Das Potenzial, das von der Interaktvität und den Lernmechanismen im Spielen ausgeht, ist enorm. Wir hatten in Heidelberg im Start-Up-Accelerator ein Nachbar-Studio, die ein VR-Game für Demenzkranke machen, wo Leute nach Operationen oder mit Demenz über VR (Virtual Reality) geschult werden.

baugerüst: Ihr Spiel hat eine klare Message: das Evangelium. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, unter die Spieleentwickler zu gehen?

Josua: Ich hatte in meiner Dissertation Strukturen zur Kommunikation des Evangeliums mit Jugendlichen erforscht. Ich habe Jugendliche selber Projekte entwerfen lassen, habe gesagt „Seid mal Luther für einen Tag und wie würde die Kirche aussehen, wenn ihr am Schalthebel sitzen würdet?“. Eine Gruppe hat einen Vorschlag für ein BibleGame erarbeitet. Sie haben gesagt: „Wir finden Bibelinhalte schon spannend, aber wir würden uns nur damit auseinandersetzen, wenn wir sie zocken könnten.“ Da war für mich sofort klar, dass das Problemanzeige und Lösung in einem ist. Die Gaming-Industrie ist drei Mal so groß wie die Filmindustrie. Sie ist eine der bedeutsamsten Kommunikationsstrukturen unserer Zeit.

baugerüst: Aber in der Kirche ist das noch nicht richtig auf dem Schirm, oder?

Josua: Nein, es wird bei weitem nicht priorisiert genug betrachtet. Die Jungs damals hatten gesagt, wir würden das gerne zocken, aber nur wenn es nicht aussieht wie von Kirche. „Es muss mit meinen anderen Spielen mithalten können, dann würde ich es machen.“ Da ist der Knackpunkt, weil ich gemerkt habe, dass christliche Spiele alle unsexy sind. Und selbst ich als Gamer und Christ habe keinen Bock, diese Spiele zu spielen, obwohl ich mitten in der Target Group bin. Ich bin dann zum Innovationsfonds der württembergischen Landeskirche und habe gesagt „Ihr müsst das machen!“ Die Antwort war: „Gute Idee, aber wir haben keine Ahnung davon. Wenn Du mal forscht und guckst, wie man das realisieren könnte, könnten wir uns vorstellen, das zu unterstützen.“ Ich bin dann zur Christian Game Developers Conference nach Portland gefahren – mit einigem eigenen Risiko und Invest, aber mit einer starken merkwürdig-irrationalen Stimme, die mir sagte, du musst das machen. Man könnte retrospektiv sagen, so hört sich das an, wenn Gott mit dir spricht. Ich bin ja akademisch-lutherisch geprägt und nicht mystisch-pfingstlich, aber das war schon krass.
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Amin Josua, Jahrgang 1987, ist Theologe, Start-Up-Gründer und CEO der Lightword Productions. Der Stuttgarter war lange in der Jugendarbeit aktiv, wollte erst Religionslehrer, dann Pfarrer werden und möchte jetzt den Menschen weltweit das Evangelium mit Hilfe des Computerspiels „ONE of 500“ näherbringen.

Mit ihm sprach Annika Falk-Claußen.

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Amin Josua