Jens Adam: Evangelische Jugend und Gespräche über Gott

„Beiläufiges Blitzlicht“

Szenenbild bei einem dreitägigen Konfi-Camp: Der letzte Vormittag in der eigenen Gruppe von 25 Konfis. Wir sitzen in absichtlich zufälligen Kleingruppen auf dem Boden. Vor uns liegen eigenartige Notenblätter, mit der Überschrift „Soundtrack deines Lebens“ versehen. Die Konfis haben auf einem vorbereiteten Notensystem, welches in 14 Takte untergliedert ist (für jedes Lebensjahr ein Takt...), mit ebenfalls vorbereiteten selbstklebenden Symbolen (wie „Lautsprecher“, „Wow!“, „hoher Ton“, „Pausenzeichen“, verschiedene Emojis, „Träne“, „Peng!“, ...) ihre bisherige „Lebensmelodie“ notiert bzw. rückblickend komponiert: die erlebten Höhen und Tiefen; die Crashs und Wow-Momente; Zeiten der Stille, Ratlosig- und Traurigkeit genauso wie schier grenzenlose Glücksmomente. Die Bandbreite des Lebens und Erlebens ist sichtbar und fast hörbar. Im Hintergrund läuft – mehr oder weniger – chillige Musik mit den vorher schon gesammelten aktuellen „Lebensliedern“ der Konfis: eine gemeinsam zusammengestellte Playlist mit Songs von Ed Sheeran, Major Lazer, One Direction, Mark Forster, Cro und anderen. Spiegelbilder der Charts, Spiegelbilder der Seelen auch; ein ständiges Update für Konfi-Teamer und Pfarrer*in.

Um uns herum an die Wand geheftet finden sich fünf Bilder: ein Komponist, ein Dirigent, ein Tontechniker, ein Mensch an der Pauke, ein Zuhörer. Die Darstellungen sind mit Hinweisen versehen: „Ich habe das Stück sehr gut geschrieben, jetzt habe ich keinen Einfluss mehr, was genau gespielt wird.“ (Komponist) – „Alle schauen auf mich. Ich bestimme, was passiert.“ (Dirigent) – „Wenn es schlecht klingt oder etwas kaputtgeht, kann ich es richten.“ (Tontechniker) – „Falls Fehler gemacht werden, haue ich ordentlich auf die Pauke.“ (Pauker) – „Ich sitze im Publikum und höre interessiert zu. Am Ende klatsche ich Beifall.“ (Zuhörer). Formangepasste Umschreibungen von biblisch möglichen Gottesbildern und Rollenzuschreibungen an Gott als einem zu diskutierenden Faktor in der Lebensgestaltung und Lebensdeutung. Die Gruppe kennt sich schon; wir haben uns in den Tagen (und Nächten...) zuvor erlebt, konnten Vertrauen und Beziehungen aufbauen, aber auch Grenzen aufzeigen. Wir wurden als Teamer beobachtet und selbst in Charts einsortiert, haben als Teamer beobachtet und uns untereinander über die Wahrnehmungen ausgetauscht.

Und jetzt entwickelt sich ein zunächst zögerliches, dann immer intensiveres Gespräch über das jeweils ganz eigene Gottesbild; die Wandbilder sind dazu Anleitung: „Welche Rolle spielt/e Gott in deinem Leben? Welche Rolle würdest du dir von ihm für dein Leben wünschen?“ Die Differenzierung der möglichen Gottesbilder ist biblisch eingeschränkt und methodisch angepasst, aber dennoch: Jugendtheologie reinsten Wassers wird getrieben. Hier klingt die Theologie der Jugendlichen auf; hier artikuliert sich Theologie mit Jugendlichen; und hier ist Theologie für Jugendliche gefordert.1 Hier sind sie: die Gespräche über Gott mit und bei den Jugendlichen. Hier findet sich die „herausfordernde[-] Sichtweise und Beschreibung Jugendlicher sowie eine[-] darauf basierende[-] Einstellung zu Jugendlichen (...): Jugendliche sollen als Theologen wahrgenommen, anerkannt und geachtet werden!“ 2 Und hier ist sie: die Chance, mit Jugendlichen über „Gott und die Welt“ zu sprechen, ihre erfahrungsgesättigten Deskriptionen wahr- und ernstzunehmen und sie ins Gespräch mit den biblischen Gedanken, aber auch den eigenen Erfahrungen (und Anfragen!) zu bringen.

Ein gemeinsamer „Bildungsprozess“ liegt in der Luft, der weder erst einen Anfang markiert (denn das Nachdenken über Gott, eine höhere Macht oder ähnliches ist keinem Jugendlichen fremd und wird mit der beschriebenen Konfi-Einheit insofern auch nicht erst „gestartet“, bestenfalls „katalysiert“), aber genauso wenig ein Ende suggeriert (denn die „Lebenserfahrungen“ und insofern – negativ oder positiv konnotierten – „Gotteserfahrungen“ enden ebenso wenig mit jener Konfi-Einheit). Was Anselm von Canterbury mit dem Votum „fides quaerens intellectum“ schon im Jahr 1078 zu beschreiben suchte3, wird hier provoziert und evoziert: Der (christliche) Glaube verneint nicht das Nachdenken über seine Inhalte und Bedingungen, sondern fordert geradezu dazu heraus; er bedarf der „vernünftigen“ wie auch an der eigenen Kontingenz erprobten Aneignung und Bewährung. Oder anders gesagt: Ein Gespräch über unser Gottesbild, unser Gottverständnis und unsere Gottesbeziehung bietet an einem kaum zu überschätzenden Punkt die Gelegenheit, das mindestens positiv anzubahnen, was Agnes via negationis für sich so beschreibt: „Meine Religionslehrer, die ich über die Jahre hatte, waren schon immer sehr konservativ, wenig modern, haben wenig andere Meinungen zugelassen und das widerspricht  mir einfach. So lange man darüber diskutieren kann und andere Meinungen akzeptiert, ist das super, aber sobald jemand eben versucht, mich von meiner Meinung abzubringen, indem er mir einen anderen Glauben aufdrücken möchte, das möchte ich einfach nicht.“ 4

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Foto: Nikki Zalewski/Adobe Stock