Kerstin Michalik: "Das ist gemein!" "Das ist unfair!" "Das ist ungerecht!"

„Das ist gemein“! „Das ist unfair“! „Das ist ungerecht!“ – In solchen Äußerungen von Kindern drückt sich eine spontane Empörung aus, hervorgerufen durch die Verletzung dessen, was doch klar und eindeutig zu sein scheint. Das Empfinden für Gerechtigkeit oder für die Verletzung dessen, was als „gerecht“ oder moralisch richtig gilt, ist bei Kindern schon früh entwickelt. Woher stammen solche Gerechtigkeits- und Moralempfindungen von Kindern? Wie entwickelt sich moralisches Verhalten von Kindern und wie kann man es fördern?
 „Gerechtigkeit“ ist ein schwieriger Begriff, der alles andere als eindeutig ist. Vor allem die Frage, wie Kinder zu gerechtem Handeln kommen, wie sich ein Sinn für Gerechtigkeit entfaltet, der sich nicht nur auf das bloße Wissen um gerechte Verhaltensweisen bezieht, sondern auch Haltungen und Verhaltensdispositionen bzw. moralische Motivation miteinschließt, ist nicht abschließend geklärt.


Was ist Gerechtigkeit? 
Begriffsklärungen


Gerechtigkeit ist eine moralische und politische Grundnorm, deren Kern letztlich die Frage der gerechten Verteilung ist, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Gerechtigkeit kann sich auf Personen, auf einzelne Handlungen oder auf Handlungsnormen, auf gesellschaftliche Institutionen, Verteilungsprozeduren oder deren Resultate beziehen (vgl. Hastedt 1994, 199f.;  Ladwig 2011, 23f.). In der Antike, in der Philosophie Platons,  gehörte die Gerechtigkeit neben der Weisheit, der Tapferkeit und der Besonnenheit bzw. Bescheidenheit zu den vier Kardinaltugenden und hatte inmitten dieser eine ganz besondere Stellung, sie war die höchste aller Tugenden (vgl. Höffe 2015, 20). In der Antike und auch noch im Mittelalter wurde Gerechtigkeit primär als eine Eigenschaft von Personen aufgefasst (vgl. Horn/Scarano 2002, 10f.). Nach Platon ist Gerechtigkeit nicht nur ein allgemeines soziales Ordnungsprinzip, sondern auch für die Ordnung der Seele verantwortlich (vgl. ebenda 21). Die  Gerechtigkeit der Individuen und die Gerechtigkeit des Gemeinwesens stehen in einem Zusammenhang, indem ein gerechtes Gemeinwesen nur möglich ist, wenn in ihm von Vernunft und Gerechtigkeitssinn geprägte Bürger herrschen (vgl. ebenda 21f.).

Gerechtigkeit kann einerseits als persönliche Tugend oder Gesinnung begriffen werden, andererseits - und dies ist der Schwerpunkt der modernen Debatten - als ein normatives Prinzip, als ein Maßstab zur Beurteilung von menschlichen Handlungen und normativen Setzungen, die das soziale Miteinander der Menschen betreffen. Hier geht es um Regeln und Gesetze, soziale Institutionen, politische Zustände, Wirtschaftssysteme und Gesellschaftsordnungen und die damit verbundenen leitenden Handlungsnormen. Unter den verschiedenen Theorien der Gerechtigkeit hat Aristoteles das Nachdenken über diese Form der Gerechtigkeit am nachhaltigsten beeinflusst.

Aristoteles setzte neben die allgemeine Gerechtigkeit als eine Tugend (justitia universalis) eine besondere Gerechtigkeit (justitia particularis). In Abgrenzung zu Platon verstand Aristoteles Gerechtigkeit primär als eine intersubjektive Tugend und machte in der Nikomachischen Ethik das Gleichheitsprinzip zum zentralen Problem der Gerechtigkeit. Bedarf Gerechtigkeit der strikten Gleichheit oder gilt es Unterschiede zu machen, die sich aus der Verschiedenheit, den unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen der Menschen ergeben? Da die unterschiedslos verfahrende „blinde Gleichheit“ keinesfalls immer gerecht ist, unterscheidet Aristoteles zwei verschiedene Arten von Gerechtigkeit: die verteilende oder Verteilungsgerechtigkeit (justitia distributiva) und die ausgleichende oder Tauschgerechtigkeit (justitia commutativa) (vgl. Ladwig 2011, 60f.; Höffe 2015, 22ff.)

Die Verteilungsgerechtigkeit, bezogen auf die gemeinschaftliche Zuteilung von Gütern, Hilfen und Belastungen, Rechten und Pflichten ist als eine „verhältnismäßige“ Gleichheit gedacht, bei der die individuellen Umstände des einzelnen eine Rolle spielen. Sie lässt folglich Ungleichheiten zu. Die ausgleichende oder Tauschgerechtigkeit hingegen richtet sich auf die Gleichwertigkeit im Austausch von Gütern und Leistungen, von Schaden und Schadenersatz oder Unrecht und  Strafe und geht daher von einer unterschiedslosen Gleichheit der Individuen aus.

Die von Aristoteles getroffene Unterscheidung verschiedener Formen von Gerechtigkeit hat ihre Gültigkeit bis in die Gegenwart behalten. Die gegenwärtige Diskussion um Gerechtigkeit hat jedoch eine bedeutsame Erweiterung erfahren durch das Problem der globalen Gerechtigkeit, die sich aus einer konsequenten Anwendung der Menschenrechte ergibt.  Hier geht es um die Frage, ob wir über menschenrechtliche Humanitätsverpflichtungen hinaus auch staatenübergreifende Pflichten verteilender Gerechtigkeit haben, konkret, ob wir dazu verpflichtet sind, für die Benachteiligungen der Menschen in anderen Ländern oder Erdteilen einen Ausgleich zu schaffen (Ladwig 215ff.).
 

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