Annika Falk-Claußen: Nicht nur alles digital

Ohne die Coronapandemie wären wir bei der Digitalisierung der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit nicht da, wo wir jetzt stehen – das ist nicht von der Hand zu weisen. Die Pandemie hat uns dazu gezwungen, die Prozesse zu beschleunigen. Am Ende kam es sogar zu einer gewissen digitalen Übersättigung. Man sehnte sich danach, nicht mehr nur in Videokonferenzen zu sitzen, sondern mal wieder von Angesicht zu Angesicht zu diskutieren. Selbst die Jugendlichen, für die es kaum eine Trennung zwischen analoger und digitaler Realität gibt, sehnten sich nach echten Begegnungen und man hörte vielerorts „nicht schon wieder online!”.

Mir ging es in dieser Coronazeit wie vielen, ich wollte nicht mehr nur alles digital machen, auch wenn es vieles erleichert. Obwohl ich die meisten Nachrichten auf digitalen Kanälen konsumiere, viele Kontakte über digitale Kommunikationswege pflege und sehr regelmäßig in den sozialen Netzwerken zu finden bin, habe ich nach wenigen Monaten immer wieder mal ein „Digital Detox”-Wochenende eingelegt. Man merkt dann erst, wie abhängig man von Geräten ist, wie gewohnt man es ist, zwischendurch mal was zu googeln oder über einen Messenger-Dienst eine Nachricht an Freunde und Familie zu schicken. Doch für den Kopf und die Seele sind diese handy- und internetfreien Zeiten wertvoll.

Ich gehöre zu einer Generation, die sich solche Auszeiten ganz bewusst nehmen muss. Und kann jedem dieses Experiment ans Herz legen. Andererseits hat die Beschleunigung der Digitalisierung auch mir viele neue Möglichkeiten eröffnet: Ich habe wunderbare Online-Gottesdienste verfolgt, konnte an Online-Fortbildungen teilnehmen, die ich in Präsenz zeitlich wohl nicht geschafft hätte. Es gibt bei der Digitalisierung immer Chancen und Herausforderungen.

In diesem Heft haben wir versucht, uns verschiedenen Aspekten der digitalen Welten zu nähern und wir möchten Ihnen, liebe Leser*innen, ganz viele tolle Projekte vorstellen, die im digitalen Raum entstanden bzw. dorthin gewandert sind. Thomas Ebinger schildert christliche Gaming- Arbeit am Beispiel von Minetest/-craft, Tobias Bernhard erzählt von der digitalen Datenbank für Konfi-Arbeit „Konfi-Lab 4.0”, Björn Büchert berichtet von seinen mehrjährigen Erfahrungen mit „Theo Livestream Talk” und Stefanie Kern erzählt, wie die eigentlich ziemlich analogen Badengames online gegangen sind und wie – am Beispiel von KiKidz – die digitale Arbeit mit Kindern in der Kirche aussehen kann.

Beim Thema Digitalisierung merkt man schnell den Clash der Generationen. Ich selbst gehöre mit Mitte 30 einerseits zu den „Digital Natives”, denn bereits im frühen Teenie-Alter war ich regelmäßig „online”. Dennoch merke ich im Gespräch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, wie anders ich in Bezug auf digitale Medien aufgewachsen bin. Die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir heute arbeiten, kennen keine vor-digitale Zeit. Für sie gibt es nicht die analoge und die digitale Welt. Für sie ist beides ihre Realität.

Hatten einige Skeptiker in den vergangenen Jahren immer etwas Angst, dass jetzt alles nur noch online gemacht wird, so haben die vergangenen Monate gezeigt, dass digitale Angebote und Formate keine Präsenzangebote ersetzen können, wie Daniela Broda in ihrem Beitrag (S. 6f ) schreibt: „Die evangelische Kinder- und Jugendarbeit braucht Begegnungen und soziales Miteinander in Präsenz, also echte Gruppenerlebnisse und reale Kommunikation.” Dennoch müsse man darüber sprechen, wie wir uns im digitalen Transformationsprozess weiterentwickeln müssen.

Ein herausragendes Projekt in den vergangenen Monaten waren sicher die beiden Hackathons der Initiative „glauben gemeinsam”, die Anna-Nicole Heinrich mit initiiert hat. Die neue EKD-Präses erzählt im Interview (S. 36f ), wie sie sich die Zukunft der Digitalisierung in der evangelischen Kirche und Jugendarbeit vorstellt. Die EKD hat indes „10 Gebote zum Wandel mit Chancen” (S. 18f ) formuliert und in einer Denkschrift „Freiheit digital” erläutert. Zentral bei der Digitalisierung der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit ist auch die Weiterbildung der Ehren- und Hauptamtlichen. In diesem Bereich hat u.a. das Studienzentrum Josefstal in den vergangenen Monaten viele Workshops und Seminare konzipiert und durchgeführt. Dessen Leiter Roger Schmidt schildert (S. 20f ), welche digitalen Kompetenzen kirchliche Mitarbeitende brauchen, um Kinder und Jugendliche in ihren digitalen Lebenswelten begleiten zu können.

Viel zu oft wird bei den Überlegungen für neue Projekte die barrierefreie Digitalisierung vernachlässigt. Mirjam Lehnert gibt Tipps (S. 28f ), wie man es etwa einem blinden Jugendlichen, einem jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten oder einer Gebärdensprachen-Nutzerin erleichtern kann, sich auf einer Webseite zurechtzufinden. Ein weiteres wichtiges Thema im Netz ist die (digitale) Ethik, über die Thomas Zeilinger schreibt (S.10f ). Er hinterfragt, ob in der digitalen Welt nicht doch ganz andere Gesetze gelten als in der analogen. Außerdem erzählt Amin Josua (S. 31f ) von seinem Bible-Game „ONE of 500”, das aktuell eines der größten, wenn nicht das teuerste Digital-Projekt im kirchlichen Bereich ist. Der Theologe will das Evangelium mit Hilfe eines Computerspiels verkünden – sehr professionell, mit einem internationalen Ansatz und kirchlichen wie säkularen Investoren.

Wir hoffen, mit diesem Heft einen guten Überblick über die digitalen Welten in der Jugendarbeit geben zu können. Bleiben Sie gesund und viel Spaß beim Lesen!

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